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Thesenpapier der AG Aktive Gewaltfreiheit

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STOP WAR

Thesenpapier bzgl. Krieg auf die Ukraine und Gedanken aus der Perspektive Aktiver Gewaltfreiheit – vorgelegt von der pax christi-AG Aktive Gewaltfreiheit

„Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“

Unsere Inspiration

1. Wenn wir als pax christi-Arbeitsgruppe „Aktive Gewaltfreiheit“ vom Gerechten Frieden sprechen, beziehen wir uns auf die Vision und die Hoffnung, die Jesus von Nazareth, den Christus, beseelt haben, die uns in den Schriften des Zweiten Testamentes überliefert sind und ihren Quellgrund gerade auch in den Schriften des Ersten Testamentes haben. Der Nazarener inspiriert uns, uns als Teil der internationalen pax christi Bewegung für Aktive Gewaltfreiheit als Kern unseres politischen Handelns für eine gerechte Welt ohne Gewalt und Waffen zu engagieren. Das bedeutet für uns, für gewaltfreie Lösungen in Konflikten auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens einzutreten und Aktive Gewaltfreiheit zu bezeugen und zu praktizieren.

2. Die Ansätze und Aufrufe zu Aktiver Gewaltfreiheit speisen sich aus der Erfahrung, dass Kriege verheerende Wirkungen erzeugen, dass Waffengänge meistenteils Eskalation und eben nicht friedensfördernde Mechanismen in Gang setzen, dass sie die Gefahr eines Einsatzes von Atomwaffen in sich bergen, dass Rüstungsentwicklung einen massiven Ressourcenverbrauch zeitigt und somit einen Umbau zu einer nachhaltigen Gesellschaft blockiert. Die Ansätze und Aufrufe zu Aktiver Gewaltfreiheit speisen sich auch aus der Forschung über die Ursachen von Gewaltkonflikten. Wir können ebenso die Folgen internationaler Verfeindung deutlich wahrnehmen, die den Gedanken zu vernebeln droht, dass Sicherheit auf unserem Planeten nur gemeinsam und nicht gegeneinander zu haben sein wird.

3. Wir erinnern im Folgenden an uns inspirierende biblische Grundlagen und beschreiben für uns daraus folgende Grundhaltungen und Handlungsperspektiven Aktiver Gewaltfreiheit.

Biblische Grundlagen

4. Das Herzstück der biblischen Botschaft ist die Glaubensüberzeugung von der gottgegebenen Würde jedes Menschen - überall auf der Welt. Dieser Zuspruch ist es, der sagen lässt: Krieg darf „um Gottes Willen“ nicht sein. Denn Krieg ist immer Verletzung der Menschenwürde, bedeutet immer Tod, Zerstörung, Brutalität, Verbrechen, Mord und über Generationen hinweg wirkende Traumatisierung von Menschen und Völkern. Dieser Zuspruch beinhaltet den Anspruch, Konflikte nicht durch Gewalt und Krieg zu lösen zu suchen und ist letztlich die Aufgabe, sich einer Kultur der Aktiven Gewaltfreiheit und des Gerechten Friedens zu verschreiben.

5. Der Gedanke in der Schöpfungsgeschichte (vgl. Genesis 1 und 2; damit ist keine biologische Abstammungsvorstellung gemeint), dass Gott die Menschheit aus einem Menschenpaar hat hervorgehen lassen, bedeutet in seiner Konsequenz: Alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Bildung, Volk, Nation, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit - sind Schwestern und Brüder. Die Menschheit als eine Völkerfamilie verstanden: das ist nach biblischem Verständnis ihr Schicksal und ihre Zukunft. Der Gedanke des Stammelternpaares stellt Christ:innen und vor allem uns als Teil der internationalen Friedensbewegung vor die Aufgabe, die Geschwisterlichkeit aller Menschen lebendig zu halten.

6. Neben den Berichten von vielen Gewalttaten im Ersten Testament gibt es eine starke sich durchziehende prophetische Tradition, die voller Hoffnungsbilder von einem Gerechten Frieden unter den Menschen und mit der Natur spricht. (vgl. nur z.B. Jesaja 11,1-9, Micha 4,1-4, Sacharja 9,9-12).

7. Jesus von Nazareth sieht sich in der Tradition dieser Friedensbotschaften stehend (vgl. insbes. Matthäus 21,1-11 Einzug in Jerusalem mit Rückbezug auf Sach 9,9-12). Seine konsequente Gewaltfreiheit wird an vielen Stellen im Neuen Testament sichtbar (vgl. die Bergpredigt bei Matthäus und Lukas; vgl. den Verweis an Petrus bzgl. der Schwertnutzung - Matthäus 26,52). Gewaltfreiheit und Geschwisterlichkeit sind das, was Jesus wollte. „Keine Gewalt!“ Das ist die kürzeste Zusammenfassung seiner Bergpredigt. Am Nazarener ist abzulesen: „Wer einmal erkannt hat, dass der Weg des gewaltfreien Widerstandes und der sich hinschenkenden Liebe der Weg zum Heil und zum inneren und äußeren Frieden der Menschheit ist, der kann nicht anders, als unentwegt dafür zu kämpfen.“ (Hildegard Goss-Mayr)

8. Jesu Gewaltfreiheit war nicht schwach; sie ist die Kraft der Liebe im Handeln. Sie ist die Grundhaltung, die keine Angst davor hat, dem Bösen mit Liebe und Wahrheit entgegenzutreten. Sie erträgt nicht einfach die Aggression des anderen oder nimmt sie hin. Sie bemüht sich vielmehr, das Böse zu verwandeln und der Aggression Einhalt zu gebieten. Sie ist nicht Passivität, kein Erdulden. Sie ist kein Weg mit Absicherung und doppeltem Boden. Sie kann das Leben kosten, wie an vielen Gestalten der Aktiven Gewaltfreiheit zu erkennen ist. Sie bedeutet, gegen jede Form von Gewalt Stellung zu beziehen und anzuerkennen, dass alle Menschen als Ebenbilder Gottes eine Würde haben. Deshalb das Aufstehen gegen Hass-Rede und Krieg, gegen Atomwaffen und Aufrüstung; deshalb der Ruf nach einem Gerechten Friedens, der auf der Gewaltfreiheit des Nazareners gründet; deshalb die Suche nach Deeskalation und trotz vielem immer wieder die Aufforderung an die Politik zu Verhandlungen und Diplomatie.

9. Es ist üblich, das Christsein mit Nächstenliebe zu verbinden. Das ist nach Jesus nichts spezifisch Christliches. „Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben… was tut ihr damit Besonderes?“ (Matthäus 5,46f) Christlich wird es dort, wo die Nächstenliebe die Feindesliebe einschließt. Das Liebesgebot Jesu gilt für Freunde wie für Feinde. Seine Liebe erkennt – allem zum Trotz – in jedem Menschen das Abbild Gottes. Und sie sieht alltäglich: Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“. (Matthäus 5,45). Der Nazarener erfährt in dieser Sicht, dass sein Gott die Hoffnung nicht aufgibt, und setzt darauf, dass die Bösen sich vom Guten und für das Gute doch noch erwärmen lassen können. „Die Grenze zwischen Bösen und Guten hat ihre Grenze, für Gott hört sie irgendwo auf. Indem wir bis zu diesem Punkt mit Ihm gehen, erweisen wir uns als seine Söhne und Töchter.“ (Franz Kamphaus)

10. Das ist der biblische Hintergrund, den wir sehen für unser Engagement bzgl. Aktiver Gewaltfreiheit. Und wir möchten den pax christi-Selbstvergewisserungsprozess aus den Jahren 2013-2017 erinnern, der die Vision unserer Friedensarbeit wie folgt definiert hat: „Der Friede Christi ist die bleibende Hoffnung und Vision unserer Bewegung. Aktive Gewaltfreiheit ist der Kern unseres politischen Handelns für eine gerechte Welt ohne Gewalt und Waffen.“ Aktive Gewaltfreiheit ist mehr als eine einmalige Entscheidung. Gewaltfreiheit ist eine Haltung, die der Einübung und der Pflege bedarf. Und sie ist ein weites Feld, dessen Möglichkeiten es zu entdecken gilt. Wir folgern für uns daraus: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein.“ (vgl. Ökumenischer Rat der Kirchen 1948 in Amsterdam). Diesem Aufruf fühlen wir uns verpflichtet und sehen uns in der Pflicht, gelegen und ungelegen für diese Perspektive öffentlich und vernehmbar einzustehen.

Grundhaltungen politischer Gewaltfreiheit

11. Wir orientieren uns an dem Konzept der Friedenslogik. Dieses Konzept kann uns Orientierung geben, auch im Krieg in der Ukraine, kriegerische Auseinandersetzungen zu analysieren und politische Forderungen zu entwickeln.

12. Im Zentrum steht, die Gewalt, das Töten, das Leid zu beenden. In akuten Kriegssituationen ist die erste Priorität, einen Waffenstillstand zu erreichen. Dies bedeutet, nicht in militärischen Kategorien von Sieg und Niederlage zu denken. Siegen zu wollen, auch wenn wir das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine in Betracht ziehen, führt zu einer Eskalation von immer mehr, immer leistungsfähigeren und immer schwereren Waffen. Das Recht auf Selbstverteidigung hat eine Grenze; sie liegt auch dort, wo mehr Schaden angerichtet als verhindert wird.

13. Zur Lösung dieses vielschichtigen Konfliktes ist eine konstruktive Transformation notwendig. Eine gewaltbeendende Krisendiplomatie ist gefordert. Schuldzuweisungen erschweren eine Lösung. Ebenso müssen alle Beteiligten Abstriche von Dominanzansprüchen bzw. Maximalforderungen machen; z.B. bei der Nato das Selbstverständnis als Hegemonialakteur, bei Russland die imperialen Ambitionen in seiner Nachbarschaft und bei der Ukraine den NATO-Integrationskurs.

14. Unabdingbar ist, Dialog mit allen denkbaren Partner:innen mit Hartnäckigkeit und Geduld zu suchen und Gesprächskanäle auf allen Ebenen offen zu halten oder zu öffnen, z.B. mit China und Ländern des Globalen Südens als möglichen Mediatoren. In Diplomatie und Verhandlungen sind die Sichtweisen und Interessen aller Konfliktparteien wahrzunehmen. Es gilt dabei, keine Feindbilder aufzubauen bzw. zu verstärken, sodass für alle Parteien ein gesichtswahrender Ausstieg aus den Kriegshandlungen möglich werden kann.

15. Wichtig ist, immer wieder die Einhaltung von Völkerrecht und Menschenrechten einzufordern. Kriegsverbrechen wie die Gräueltaten in Butscha oder der Einsatz völkerrechtlich geächteter Waffen (z.B. Streumunition) sind zu verurteilen. 

16. Es verlangt eine kritische Selbstreflexion, die die eigenen Anteile am Weg der Konfrontation thematisiert. Dies gilt für die Kriegsparteien selbst, aber auch für alle anderen am Konflikt Beteiligten wie im Westen die NATO und die EU. Zusätzlich bedarf es der Fähigkeit, sich in die Sichtweise der Konfliktparteien hineinzuversetzen, um sie besser verstehen zu können, ohne sie deshalb gutheißen zu müssen. Dies führt dazu, aus Fehlern zu lernen, um sie bei einer Neugestaltung der europäischen Ordnung nach dem Krieg zu vermeiden.

Konkrete Handlungsperspektiven aus der Haltung Aktiver Gewaltfreiheit 

17. Wer Frieden will, muss diesen vorbereiten und Grundlagen dafür schaffen, dass Frieden wirklich entstehen und wachsen kann. Wir fordern immer wieder neu die Politik auf, nicht allein einer Militärlogik zu folgen, sondern im Rahmen der Diplomatie entschieden Auswege aus der Eskalationsspirale und für ein Ende des Krieges zu suchen. 

18. Wir beobachten, dass in unserer Gesellschaft oftmals der gegenseitige Respekt für unterschiedliche Friedenspositionen fehlt und die Suche nach Gerechtem Frieden vielfach diskreditiert wird. Wir entwickeln deshalb Formate für Dialog und Begegnung. Wir suchen einen gesamtgesellschaftlichen Austausch darüber, was uns zum Frieden wirklich dient. Wichtig ist uns dabei, aus einer empathischen Grundhaltung heraus zu handeln mit Blick auf alle, die unter diesem Krieg zu leiden haben.

19. Wir verstärken den Kontakt mit ukrainischen und russischen Flüchtlingen sowie orthodoxen Kirchengemeinden. Wir setzen uns ein für Verständigung und Ent-Feindung durch unser Kontakthalten über Grenzen hinweg sowie für ein Engagement z.B. bzgl. Städtepartnerschaften und Partnerschaften im Wissenschaftsbereich. Wir respektieren, dass derzeit Dialoge zwischen Menschen aus der Ukraine und aus Russland schwierig bzw. nicht möglich sind, bemühen uns aber, unsere Kontakte und Gesprächskanäle zu beiden Seiten hin aufrechtzuerhalten. 

20. Wir setzen uns verstärkt - zusammen mit unseren Kirchenleitungen, mit anderen Friedens- Gruppierungen und befreundeten Organisationen - dafür ein, dass Kriegsdienst-Flüchtlinge, Kriegsdienstverweigerer sowie Deserteure aus allen Kriegsparteien in Deutschland Aufnahme finden. Wir bemühen uns, dass ihre Perspektiven auf den Krieg auch bei uns Gehör finden können.

21. Wir unterstützen die Einübung in Soziale Verteidigung. Denn: Krieg wird dann abgeschafft sein, wenn in Gewaltfreiheit gebildete und erfahrene Menschen, Gruppen und Völker auf einen kriegerischen Angriff nicht mehr kriegerisch reagieren, wenn sie stattdessen kreativ und mutig Wege finden, das Gewissen von genügend Menschen und Gruppen auf der gegnerischen Seite so anzusprechen, dass diese der kriegerischen Aggression ihre Unterstützung entziehen, sodass die Aggression erfolglos bleibt. 

22. Wir verstehen und anerkennen das Recht auf Selbstverteidigung und sehen zugleich eine Alternative. Unsere christliche Tradition beinhaltet eine starke Infragestellung der Gewalt; die Bergpredigt ist ein Zeugnis für die Suche nach Alternativen zur Gewalt. Es braucht in diesen Zeiten verstärkt die Erinnerung an Gestalten der Aktiven Gewaltfreiheit – als Gegengewicht zum derzeitigen Mainstream einer Militärlogik.

23. Wir verstärken unsere Kontakte mit pazifistisch gesinnten Personen und Bewegungen in der Ukraine und in Russland bzw. mit solchen, die im Exil leben. Was wir über Aktive Gewaltfreiheit sagen, können wir nur zusammen mit Betroffenen sagen, die für Aktive Gewaltfreiheit einstehen. 

24. Wir sehen: Eine Einzelperson kann auf Gewalt verzichten und die Konsequenzen für sich tragen. Ein politisch verantwortlicher Mensch muss aber auch die Konsequenzen des Gewaltverzichts für alle berücksichtigen. Wer sich der aktiven Gewaltfreiheit in der Nachfolge Jesu verpflichtet sieht, muss deshalb nicht militärische Gewalt grundsätzlich und immer ablehnen, aber er oder sie kann trotzdem der eigenen Haltung treu bleiben und sich gewaltfrei und nichtmilitärisch einsetzen.

25. Wir erinnern an unsere Selbstverpflichtungen sowie an unsere Forderungen an die Politik und an die Kirchen aus unserem Beschluss auf der Delegiertenversammlung 2022 in Fulda.

Beschlusstext der AG „Aktive Gewaltfreiheit“ vom 12.10.2023
Klaus Hagedorn, Odilo Metzler, Esther Mydla, Ursula Paulus, Norbert Richter, Stefan Voges

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