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Kommentar zum neuen Friedenswort der deutschen Bischöfe

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Friede diesem Haus

„Waffen können keinen Frieden schaffen“

Das neue Friedenswort „Friede diesem Haus“ der deutschen Bischöfe

Am 21. Februar veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz 24 Jahre nach „Gerechter Friede“ ein neues Friedenswort unter dem Titel „Friede diesem Haus“ (Lk 10,5)

„Unsere Friedenslehre“, schreiben die Bischöfe, „lebt von zwei Traditionen, die bis in die Anfänge des Christentums zurückreichen und sich stets gegenseitig beeinflusst haben: dem christlich motivierten Pazifismus mit seinem umfassenden Gewaltverbot und der kritisch-konditionalen Gewaltlegitimation mit der Absicht, Gewalt zu beherrschen und zu minimieren“. Das gemeinsame Ziel sei, „Gewalt soll überwunden werden“. Die Kirche dürfe auf keine dieser Traditionen verzichten. „Vielmehr gilt es, die Spannungen auszuhalten und in einen kreativen Dialog miteinander zu bringen (FdH 12).“ Immerhin wird der gewaltfreie Weg Jesu und der frühen Kirche als die unverzichtbare „ältere“ Tradition kirchlicher Friedensarbeit genannt.

Das Bischofswort sieht sich in der zweiten „jüngeren“ Tradition, allerdings immer wieder mit der Maßgabe, dass dies nur, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind, als „Ultima Ratio“ zu rechtfertigen ist: „Niemals stellt das Recht auf Selbstverteidigung einen Freibrief für eine Kriegsführung dar, die gegen die Regeln des Kriegsvölkerrechts verstößt, insbesondere gegen das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Es bietet auch keinen Rechtsgrund für Rache und Vergeltung, schon gar nicht, wenn sie die Zivilbevölkerung treffen. Gerechte Verteidigung muss Wege zu Verständigung und Frieden offenhalten oder öffnen, sie darf keinen bewusst verschließen. Das Ziel jedes Militäreinsatzes, sofern er aus christlicher Sicht legitim sein soll, ist nicht der Sieg, sondern ein gerechter Friede. Waffen können keinen Frieden schaffen, Frieden muss gestiftet werden – und zwar in erster Linie durch Gerechtigkeit, die auch den Feind im Krieg einschließt. Kein Einsatz militärischer Gewalt darf deswegen die Bedingungen eines künftigen Friedens zerstören, vor allem nicht das Minimum an gegenseitigem Vertrauen, ohne das es weder aussichtsreiche Friedensverhandlungen noch einen tragfähigen Friedensschluss geben kann (FdH 21).“

Darauf beriefen sich die pax-christi-Diözesanverbände Freiburg und Rottenburg-Stuttgart in ihrer Solidaritätserklärung mit Papst Franziskus am 15. 3. 2024. Die pax-christi-Kommission Östliches Europa berief sich in einer Erklärung vom 26. 2. 2024, in der sie militärische Unterstützung der Ukraine befürwortete, auch auf das Friedenswort. Die Anwendung von Gewalt in diesem Konflikt sei „mit dem Geist der Gewaltfreiheit …vereinbar, weil dabei auf jede Gewalt verzichtet wird, die etwas anderes bezweckt, als Frieden und Gerechtigkeit zu fördern“. Korrekt lautet das Zitat „mit dem Geist der Gewaltfreiheit demnach dann und nur dann vereinbar, wenn dabei auf jede Gewalt verzichtet wird, die etwas anderes bezweckt, als Frieden und Gerechtigkeit zu fördern“ (FdH 80).

Was auffällt in „Friede diesem Haus“, ist, dass der Bezugspunkt immer wieder der Ukraine-Krieg ist, aber auch die zahlreichen anderen Kriege und Konflikte sind benannt, ebenso Entwicklungen wie Terrorismus, hybride Kriege, Cyber War, die militärtechnologische Revolution mit Drohnen und autonomen Waffen, Remilitarisierung, Klimakrise, weltwirtschaftliche Verwerfungen, Ressourcenkonkurrenz und neokoloniale Abhängigkeiten, Gewaltökonomie mit Waffen-, Drogen- und Menschenhandel, Schwächung internationaler Institutionen, schleichender Verfall von Demokratien, identitäre Bewegungen und Feindseligkeiten gegen Zuwanderer, Digitalisierung, Vergiftung gesellschaftlicher Beziehungen bis zur sexualisierten Gewalt.

In vielen Punkten wird das Sowohl-Als-Auch oder Einerseits-Andererseits zum Eiertanz, statt zu prophetischer Klarheit zu kommen. So heißt es zum Thema Rüstung „Auch wenn wir Rüstungsanstrengungen gegenwärtig als unverzichtbares Element einer verantwortlichen Politik ansehen, grenzt es in globaler Perspektive an Irrsinn, angesichts der gewaltigen Probleme, die sich vor der Menschheit auftürmen, Unmengen von finanziellen und intellektuellen Ressourcen zu verschleudern, um uns gegenseitig davor abzuschrecken, einander zu vernichten, anstatt alle Kräfte darauf zu konzentrieren, gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. (FdH 2010).“

Oder zu Drohnen: „Bereits die großflächige Überwachung mit unbemannten Flugobjekten ist – wie jegliches Ansammeln von Daten über menschliches Verhalten – ethisch nicht unproblematisch. Bewaffnete Drohnen stellen aber zudem ein ideales Instrument für sogenannte „gezielte Tötungen“ dar, auch wenn sie mit diesem Handlungstyp nicht identifiziert werden dürfen. Gezielte Tötungen müssen nicht in allen Fällen völkerrechtswidrig sein, aber in vielen Fällen ist diese Praxis als vorsätzliche Tötung moralisch nicht legitimierbar. Nur bei unmittelbarer Gefahr kann man unter Umständen Erlaubnisgründe erkennen“ (FdH 209). Weder für Entscheider noch Ausführende besteht unmittelbare Gefahr. Warum dann keine Ächtung?

Oder zur Nuklearbewaffnung: „Es ist höchste Zeit, aus der Abschreckung mit nuklearen Mitteln auszusteigen. Wir fordern daher die Bundesregierung auf, im Rahmen der NATO einen Prozess anzustoßen und gemeinsam mit den Bündnispartnern Lösungen zu finden, wie die vermutlich auf absehbare Zeit erforderliche Abschreckung ohne Nuklearwaffen gewährleistet werden kann... Daher begrüßen wir die Bestrebungen innerhalb der Weltgemeinschaft, wie z. B. den Atomwaffenverbotsvertrag, die nukleare Abrüstung erneut auf die Tagesordnung der Weltgemeinschaft zu setzen und somit den Druck auf die Atommächte zu erhöhen (FdH 207). Warum keine Forderung zum Abzug der Atomwaffen aus Büchel, zur Aufgabe der nuklearen Teilhabe und zum Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag?

Was auch noch auffällt: Unter „Handlungsfelder unseres Friedensengagements“ wird der „große Beitrag“ von pax christi und Justitia et Pax in zwei Sätzen benannt, während der Beitrag der Militärseelsorge in 1,5 Seiten beschrieben ist.

Das größte Defizit liegt meines Erachtens im biblischen Bezug des Friedenswortes. In den 175 Seiten kommt die Bergpredigt praktisch nicht vor. Die jesuanische Feindesliebe wird nicht von den Evangelien, sondern von Thomas von Aquin her gedeutet. In „Gerechter Friede“ aus dem Jahr 2000 wird in der Bibel unterschieden zwischen dem gewaltbewehrten „noachitischen“ und dem „messianischen Frieden“ Jesu. Die Kirche „hat von ihrem Herrn den Auftrag, mitten in der Welt des ächzend-stöhnenden gewaltbewehrten Friedens einen größeren, „messianischen“ Frieden zu leben, der nicht auf Gewalt, sondern auf Vertrauen baut und so alle, welche den wahren Frieden suchen, faszinieren kann.“ (GF 162)

Es heißt dort kritisch über die Kirche: „Sie hebt sich... von der Gesellschaft so wenig ab, dass man es kaum bemerkt. Wir haben uns in unserer Praxis offenbar zu sehr der Welt angepasst und den Geist Christi wie abgedecktes Feuer gehütet, damit er nicht zu sehr auf uns überspringt. Mitten in einer Welt voll Krieg und Gewalt kann die Kirche nicht als Sakrament des Friedens wirken, wenn sie sich anpasst. Diese Welt braucht keine Verdoppelung ihres Unfriedens durch eine Religion, die zu allem Ja und Amen sagt. Es geht um Pro und Kontra, Zustimmung und Widerspruch.“ (GF 163/164)

Eine Nachbemerkung: In der Einleitung schreiben die Bischöfe „Diesem Friedenswort ging ein Konsultationsprozess voraus, in den nicht nur die Expertisen und Erfahrungen vieler kirchlicher Einrichtungen und Organisationen, sondern auch weiterer Expertinnen und Experten eingeflossen sind.“ (FdH 5). Obwohl dies seit Jahren eingefordert wurde, wurde pax christi in den Prozess der Entstehung des Schreibens als Organisation nicht einbezogen.

Odilo Metzler

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